Neonikotinoide – Ein Grund zur Solidarität

https://choicewords.live/2018/05/06/neonikotinoide-ein-grund-zur-solidaritaet/Diese Tage gibt es viel zu Feiern in Wien! Uns Imker und Städter erfreuen nicht nur die sommerlichen Temperaturen, sondern auch die Entscheidung der Europäischen Union, Neonikotinoide zu verbieten. Da tanzen nicht nur die Bienen, sondern ich gleich mit! Trotzdem ist das Verbot der Pflanzenschutzmittel, genauso wie die übermäßig warmen Temperaturen (Klimawandel lässt grüßen), ein zweischneidiges Schwert. Lassen wir uns von der Debatte nicht unterkriegen.

Warum war die Entscheidung so wichtig?

Ich muss zugeben, wir Wiener Stadt-Imker sind etwas außen vor bei der Neonic-Debatte, weil die Stadt Wien diese Mittel ohnehin nicht einsetzt. Trotzdem aber betreffen die Pestizide uns alle, denn schließlich konsumieren wir Agrar-und Bienenprodukte. Neonikotinoide schaden Wild-und Honigbienen, weil sie das zentrale Nervensystem angreifen. Deren Schädlichkeit wurde von EFSA (European Food Safety Auhtority), sowie vom österreichischen Projekt Zukunft Biene mehrfach bestätigt. Laut EFSA-Studie würden sie bei Überschreitung der Richtlinien das menschliche Gehirn auf ähnliche Weise schädigen (man spricht hier von Entwicklungsneurotoxizität). Unabhängig davon, ob die Pflanze beim Gifteinsatz blüht, lockt das Insektizid die Tiere an. Das traurige Ergebnis ist Orientierungsverlust, Lähmung und letztendlich Verendung. Um das Bienensterben einzudämmen, beschlossen die EU am 27. April 2018, dass die Pflanzenschutzmittel Imidacloprid, Thiamethoxam und Clothianidin mit Ende des Jahres nur noch in Gewächshäusern eingesetzt werden dürfen.

Des einen Freud, des anderen Leid?

Als Imker hat man derzeit gut lachen, doch es ist wichtig, zu berücksichtigen, dass „Öko“ und „Bio“ für viele nicht selbstverständlich sind. Für viele Landwirte bedeutet das Verbot erst mal Verluste. Österreichische Rübenbauern etwa sehen sich auf die Beize nach wie vor angewiesen. Bereits im Jahr 2016 klagten sie über eine Epidemie von Schädlingen wie dem Rüsselkäfer oder dem Erdfloh. Sie hegen die Befürchtung, dass, bei eingeschränkten landwirtschaftlichen Bedingungen und daraus resultierender verteuerter Preise, der Konsument zukünftig auf verarbeitete Agrarprodukte wie z.B. Zucker aus Drittstaaten zurückgreifen wird.

Die IndustrieGruppe Pflanzenschutz und zahlreiche Insektizid-Hersteller machten bereits in der Vergangenheit das Verbot für geringeres Einkommen verantwortlich, obwohl es erst mit Jahresende 2018 in Kraft tritt. Dass diese Wirkstoffe schädlich sind, weiß man schon seit mehr als 50 Jahren. Bisher bestand die Lösung für betroffene darin, neue Pflanzenschutzmittel auf den Markt zu bringen – der „natürliche Kreislauf“ von Lobby und EU.

Trotzdem aber ist das neue Verbot eine Chance, vom legislativen Kreislauf der EU zu profitieren, um die Populationen der Honig-und Wildbienen mal richtig aufzupeppen. Das freut nicht nur uns Imker, sondern früher oder später auch die Landwirte, die, wie wir alle wissen, auf die Bestäubung ihres Pflanzengutes angewiesen sind.

Ein Plädoyer für mehr Solidarität

Wie die Debatten der vergangenen Tage über das Neonic-Verbot zeigten, gehört eine gewisse Feindseligkeit zwischen den Zünften immer noch dazu wie das Zuckerwürferl zur Melange. Lasst uns nicht vergessen, dass die Imker und Landwirte letztendlich gleiche Interessen haben sollten: Ein funktionierendes Zusammenspiel mit der Natur. Wenn also das Punschkrapferl in Zukunft ein bisserl mehr kosten soll, um den Herstellern des Wiener Zucker, oder anderen betroffenen Landwirten bei der Umstellung zu „Bio“ unter die Arme zu greifen, bin ich mir sicher, dass viele dazu bereit sind, etwas tiefer in die Tasche zu greifen. Wir Imker können mit Kooperationen helfen, den Dialog suchen und angemessene Preise für die die wertvolle Arbeit der Agrarwirtschaft unterstützen – und selbiges auch für uns einfordern. Es ist Platz für beides – die Imkerei und die Landwirtschaft. Lasst uns eine Symbiose eingehen!

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Photo: WordPress

English

Neonicotinoids – A Reason for Solidarity

These days there’s a lot to celebrate in Vienna. We beekeepers and urbanists are not only cheered up by the warm climate, but also the European Union’s decision to ban neonicotinoids – finally! Hence, not only the bees are dancing around, but me as well. However, just like the temperatures, caused by global warming, the ban is a mixed blessing. But let’s not get wound up (round up?) in the debate.

Why was that Decision Important?

I have to admit that Vienna’s urban beekeepers are not affected that much by the EU decision, as the neonic agents are not used by the city government. However, pesticides also affect us as we are all consumers of agricultural and beekeeping products. Neonicotinoids harm wild bees and honey bees because they attack the central nervous system. According to studies conducted by EFSA, they would also harm the human brain at a certain dosis. The insecticides attract bees and other insects, no matter if the plant is blooming or not. The sad outcome is disorientation, paralysis, and finally loss. In order to tackle bee mortality, the EU member states decided on April 27th 2018 that the plant protection agents Imidacloprid, Thiamethoxam and Clothianidin will only be allowed in greenhouses by the end of this year. Their harmfulness has been verified by EFSA and also Austrian projects like “Zukunft Biene.”

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Farmers and Beekeepers are dependent from each other. One supports the pollination, the other supports the crops. (Photo: WordPress)

Is One Man’s Joy Another Man’s Sorrow?

With the ban, it’s all very well for us beekeepers to laugh. However, it is important to consider that “eco” and “organic” are not natural to all of us. To farmers, the ban means straight losses. For instance, Austrian sugar beet growers still find themselves reliant on sprays. In 2016, farmers already complained about epidemics of vermins like weevils or flea beetles. Prompted by the concern of more difficult agricultural conditions resulting in price increase, they fear that consumers will shift to cheaper products from non-member countries.

In the past, the Austrian Industrial Group for Plant Protection (IndustrieGruppe Pflanzenschutz) and various producers of insecticides had already blamed the ban for their reduced income, even though the ban will become effective by the end of this year. The harmfulness of plant protection agents has been widely known for more than 50 years. So far, their solution was to offer alternative insecticides to the market – seems like the natural cycle of lobbyists and the European Union.

However, the ban offers us the opportunity to benefit from the legislative circle of the EU by pepping up the bee populations. This will not only bring joy to beekeepers, but also to farmers, as their crops are dependent on the contribution of pollinators.

A Plea for Solidarity

Considering all the comments on the neonicotinoid ban in the last days, I feel some sort of ill will between various crafts. Let’s not forget that at long last, beekeepers and farmers are interested in the same thing: A functioning cooperation with nature. So, if in the future the delicious Viennese Punschkrapfen shall cost a little more due to higher sugar and wheat prices, I’m sure that people are willing to pay that difference to support pesticide-free food. What we beekeepers can do, is enforce the cooperation with farmers, seek dialogue and support fair prices for their valuable work – and claim the same for us. There’s more than enough space for apiculture and agriculture – Let’s keep heading towards a symbiosis.

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Photo: WordPress