Haus HAWI. Eine Erzählung

Eine Geschichte kann von tausend Perspektiven erzählt werden. Wann auch immer ich anecken will, erzähle ich, dass ich mehr als vier Monate in einem Flüchtlingsheim gewohnt habe. Entgegnet wurde mir etwa mit dem Vorwurf, mich in den Hotspot der Kriminellenszene begeben zu haben, oder ich wurde gefragt, ob ich denn immer meine Schultern und Knie bedeckt hielt. Wenn ich es hingegen sachte angehen wollte, erzählte ich von einem integrativen Wohnprojekt, in dem geflüchtete Menschen mit StudentInnen zusammenwohnen. Gingen mir die Fragen irgendwann auf die Nerven, wohnte ich einfach in ‘ner WG. Aber langweilig wird mir die Geschichte ja doch nie, denn sie ist turbulent und harmlos zugleich. Deshalb teile ich sie gerne mit euch.

Kulturelle Gemeinsamkeiten

Das HAWI, ein Projekt der Caritas im zehnten Bezirk, wird von Menschen unter 26 Jahren bewohnt. Man gewinnt den Eindruck, dass die jungen Leute, die sich dort hin verirren, auf der Suche sind. Vielleicht nach Beschäftigung, oder nur Zerstreuung. Bei mir war es die Suche nach einem Zufluchtsort. Der arabische Charme, die sprachliche Vielfalt des Farsi, die Kochkünste der Paschtunen, großartige somalische Kleider und österreichischer Schmäh wird im HAWI in eine Schublade geworfen. Diese wird dann von Außenstehenden dreimal umgedreht und dann wird noch draufgetreten. Doch täglich sammeln die BewohnerInnen all ihre Attribute in der HAWI-Lade fein-säuberlich zusammen. Unsere Aufgabe ist es also, das teils legitime, aber teils zu Unrecht zertrampelte Image geflüchteter Menschen geradezubiegen. Wie ich, wollen alle Menschen ihre Geschichten erzählen. Das HAWI verschafft ihnen Gehör.

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Die österreichische Minderheit

Aufgrund des niedrigen Anteils an ÖsterreicherInnen, fiel ich als eine von etwa drei Quotenweißen des fünften Stocks auf (Warnung: In so einem Projekt vergisst man schnell die political correctness und lacht stattdessen einfach darüber). Dementsprechend ist es überlebenswichtig, Integrität als eine Tugend zu sehen, die unabängig vom kulturellen Background ausgeübt werden muss. Trotzdem möchte ich auch ein Beispiel dafür geben, wenn Verhaltensunterschiede spürbar werden. Die Wände der Zimmer sind dünn. Wenn ich Musik spielte und fragte, ob es eh nicht zu laut sei, bekam ich von beiden Türen nebenan dieselbe Antwort: Es sei nicht zu laut und selbst wenn es so wäre, so würden sie sich nicht beschweren. Na toll. Gut für mich und Marco Michael Wanda, der aus meinen Lautsprechern rausschrie. Allerdings handhabe ich Probleme allgemein weniger charmant. Da wurde dann dreimal heftig an die Wand gehauen (mit der Gefahr, dass man durchbricht) wenn der Nachbar zu laut mit seiner Familie telefonierte. Bin ich ein Arsch? fragte ich mich regelmäßig und beruhigte mein Gewissen, indem ich betonte, sie mögen mich bitte auf mein Fehlverhalten hinweisen – was natürlich nie vorkam.

Let everyone sweep in front of his own door, and the whole world will be clean, heißt es ja. True that! Die Lösung war also, ein gutes Gespür zu entwickeln. Dafür, was machbar und sagbar ist und dafür, was man besser bleiben lässt. Denn niemand wird dir deine Fehler ins Gesicht schleudern. Deshalb muss es gelernt sein,  latent unangenehme Gefühle (ist die Musik vielleicht zu laut? War ich gestern respektlos?) wahrzunehmen und entsprechend darauf zu reagieren. Das HAWI ist gesetzlose Zone, es gibt keine festgeschriebenen Regeln. Just be as you are, but be nice!

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Reden über die Welt und ihre Götter 

Ich kann nicht kochen.

Über das Kochen habe ich gelernt, dass ich es schlichtweg nicht kann. Bot ich einem der HAWI’s meine kulinarischen Künste an, ergriff man entweder die Flucht (nicht schon wieder!) oder aber man forderte mich auf, sie bitte nicht zu bedrohen. Dies ist natürlich schwer mit der orientalischen Tradition vereinbar, sein Essen immer den anderen anzubieten. Nur Salate kann ich dank allerhand Hilfsmitteln wie Granatapfelsirup, Cashewnüssen oder Tahine, die wiederum aus dem Orient stammen. Ansonsten unterließ ich es, zu viel zu kochen und genoss, was mir vorgesetzt wurde – denn das gemeinsame Essen ist in jeder Kultur ein wichtiges Gut. Dabei sei zu beachten, dass man kein Besteck verwendet (höchstens bei Spaghetti), und nur mit der rechten Hand ist. Alles andere ist Haram, eine Sünde!

Solidarität üben

Beim allnächtlichen Reden kommen die Leute ‘zam (überlegst du ins HAWI zu ziehen? Die inoffizielle Bettruhe liegt bei 01:00 und während Ramadan bei etwa 3:00!). So entstand, als sich der fünfte Stock über alltägliche Probleme, wie ausfallende Kühlschränke, kaputte Herdplatten oder den gesperrten Fitnessraum unterhielt, eine Diskussionsrunde, in der alle Punkte gesammelt wurden. Eine Unterschriftenaktion mit dem Titel „Das HAWI mir anders vorgestellt“ ging herum. Das Caritas Büro antwortete mit überaus freundliche Ideen wie etwa Wanderausflügen. Es war den MitarbeiterInnen wichtig, ihr Interesse kundzutun, indem sie auf unsere Anliegen eingingen und uns gleichzeitig herausforderten, selbstbestimmt zu handeln. Andere Fragen blieben unbeantwortet. Immer wieder gab es den Anspruch, große oder kleinere Probleme, die in einem uralten Bürogebäude aus technischen Gründen nun mal auftreten können, zusammen zu lösen. Wir, die rote Küche, sind die einzige kakerlaken-freie Küche (das HAWI ist der Beweis, dass es die auch in Wien gibt)! Ja, der Kammerjäger ist beauftragt, aber nicht wegen uns. Yesss, we accomplished something! Das schweißt zusammen!
Auch was religiöse Unterschiede betrifft, muss man solidarisch sein – dies ist eine Lektion, die nicht nur ich zu lernen hatte. Ich habe gelernt, dass mir nicht alles gefallen muss. Nicht immer ist alles rosig im tagtäglichen clash of cultures, wenn man so will. Ich fand es aber irrsinnig spannend, Lernprozesse bezüglich Diskussionskultur bei mir selbst und auch bei anderen zu beobachten. Wir waren manchmal respektlos, oft wütend, laut und ungerecht. Aber letztendlich lernten wir, zusammenzuhalten, denn es gibt, es mag kitschig klingen, mehr das uns alle eint als uns trennt.

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Der tägliche Kampf. The struggle is real!

Fazit: Das perfekte Chaos

Für mich war die Zeit dort nicht nur eine persönliche Bereicherung, sondern auch eine Errungenschaft. Schließlich bin ich mir nun sicher, sozial kompetent für weitere WG’s und kommunitäre Wohnprojekte zu sein. Und das ist auch notwendig, nachdem ich in Argentinien auf etwa 50m2 mit einem Typen zusammenwohne, den ich zuvor nicht kannte und über großartige Leute in Barcelona vermittelt bekam (Fortsetzung folgt darüber). Außerdem erbe ich von der intensiven Zeit im HAWI ein musikalisches Sammelsurium, das von Om Kalthoum zu Fairouz reicht, und mich bis nach Argentinien begleitet.  Dazu kommen ein paar Worte arabisch, die ausreichen um genüsslich zu fluchen, oder zumindest Essen zu bestellen. Darüber hinaus gewann ich einen riesen Haufen großartiger Freunde. Habibis, ein großes Danke geht an alle Adnans, Amirs, Halims, Delshers, Omids, Samirs und Nooris. Ich durfte lernen, dass Freundschaft sich so schnell entwickeln kann, dass sie Gefahr läuft, sich zu überschlagen. Andere Freundschaften hingegen nehmen sich so viel Zeit wie sie brauchen, um zu reifen. Menschen brauchen Zeit, um sich zurechtzufinden. Ich genauso wie jeder andere. Doch jeder ist so individuell, wie er nur sein kann. Ich denke ich durfte lernen, auf einzelne Charaktere unterschiedlich zuzugehen – a G’spür zu bekommen, eben. Vor allem gaben diese Charaktere mir die Chance, eine neue Geschichte zu erzählen – die eines außergewöhnlichen Zuhauses.