Bachelor of Arts – Ein Solidaritätsprojekt

Drei Jahre habe ich an der Universität Wien Politikwissenschaft studiert. Eine Ära des Zusammenhalts, des links-linken Gutmenschentums und des Stilbruchs geht zu Ende.

Drei Jahre habe ich an der Universität Wien Politikwissenschaft studiert. Eine Ära der Solidarität, der klaren Linie und des Stilbruchs geht zu Ende.

Heute, am 17. August 2018 habe ich meine Bachelorarbeit eingereicht. Ob das obige Titelbild dem wahren Titel entspricht, lasse ich nun mal so stehen. Ich garantiere jedenfalls, dass sie als politikwissenschaftliche Bachelorarbeit ein Manifest eines/r jeden angehenden Politologen durchgehen würde. Wir sind die Frauen, die Kurzhaarschnitte tragen. Die Männer mit den Buns. Das Septum im Gesicht bleibt, doch unter dem Arm wechselt sich täglich das Peggy Board mit dem Standard ab. Wir sind die ehrgeizigen, die man heute Hipster und morgen Bobos nennt. Die, deren Kinder Luise, Ferdinand und Leopold genannt werden.

Den meisten Sachverstand gewinnt man über diskutieren, argumentieren, und allen voran zustimmen. Die ausbleibende politische Vielfalt im Institut lässt irgendwann jede Diskussion über Menschenrechte, Parteien oder Demokratie in den Sand verlaufen. Die heimlichen Rechten sitzen still und unbemerkt daneben, während die linken Bazillen den Feminismus auseinander nehmen und anschließend wieder fein säuberlich zusammenbauen. Die gleichgültigen ProfessorInnen (ja, auch das Gendern sei gelernt),  lehnen sich je nach Motivation zurück und lassen das alles mal passieren. Nur wenn es um Realismus und Idealismus geht, müssen sie aufpassen, dass die Studierenden einander nicht die Köpfe einschlagen. Im fünften Semester kommt dann nochmal die Frage; „Theorie, wofür brauchen wir nochmal diese Self-Fulfilling Prophecies? Die Qualität des Studiums ist so mies wie das Essen im Votiv!“ So lange die Leute reden machen sie nichts schlimmeres, denken jene, die den fehlenden Aktivismus an der Uni Wien hinnehmen. Lassen wir’s mal gut sein nach den wilden Neunundachtzigern, denken sie. Die Studierenden, die die Luft des Aktionismus noch nicht schnupperten, treten dann bei den ÖH-Wahlen an und schreien lauthals Parolen für günstigere Öffis, welch Mut! Andere Lehrende allerdings legen sich mächtig in’s Zeug. Sie motivieren, inspirieren, und erweitern deine Literaturliste um Marx, Butler und Habermas.

Die ideologische Einseitigkeit der Studenten wird von den Overachievern und den Owezahrern gleichmäßig geprägt. Raum zum Austausch findet man im NIG, Café Caspar oder dem Sigmund-Freud-Park (allseits als Votikpark bekannt). Zur intellektuellen, sowie akademischen Unterhaltung tragen die POWI Fame Kids auf diversen Social Media  bei.

„Na wenn dich das interessiert“

Die besonders Motivierten inskribieren sich dann noch für Jus oder starten ein sozialwissenschaftliches Doppelstudium mit Soziologie. Solidarität mag den Leidenden gewidmet sein, die „nur“ Politikwissenschaft studieren, und dann gefragt werden, was denn ihr Hauptstudium sei. Allwöchentlich stellt die Großtante die Frage, was man denn eigentlich damit mache, und ob man vorhabe, in die Politik zu gehen.

Dann tritt man dem Figlaus, dem AFA oder dem Dokumentationsarchiv bei, um den CV nebenbei auf das nächste Level zu heben. So ein paar Zertifikate schaden nie! Das gewonnene Vitamin B ist deshalb empfehlenswert, weil es nicht nur gesünder macht, sondern die Angst vor der Arbeitslosigkeit lindert. An dieser Stelle ist Solidarität mit jenen StudienkollegInnen gefragt, die aufgrund der Berufstätigkeit keine unbezahlten freiwilligen Praktika machen können, und es zu Recht auch nicht tun.

Als ich heute mit einem lachenden und einem weinenden Auge dem Arkadenhof auf gut Wienerisch Baba sagte, dachte ich mir, der Muse reicht’s noch nicht.