Jäger und Gejagte im ewigen Eis

Dieser Artikel wurde im Januar 2017 im Global View Magazin veröffentlicht: http://afa.at/globalview/2017-1.pdf

Die Inuit und ihr überlebenswichtiger Walfang stehen unter Beschuss. Trotz des weiten Ausmaßes des kommerziellen Walfanges wird Grönlands indigenes Recht auf Subsistenzwalfang in Frage gestellt. Es wird Zeit für einen neuen Fokus.

Seit Jahrtausenden zählt die Jagd von Walen zur Identität der Indigenen Grönlands. Die traditionelle Lebensweise der Einwohner Grönlands wurde seit jeher durch das raue Ökosystem geformt, denn das Angebot an Nahrung ist so karg wie die Landschaft selbst. Die arktische Flora lässt keine Bodenkultur zu und die Temperaturtabellen Grönlands lassen einen schaudern. Folglich schuldet das indigene Volk dem traditionellen Wal- und Fischfang seine zweitausendjährige Existenz.  Der blutgetränkte Kampf um Tran, Fleisch und Maqtaak, der Walhaut, breitete sich auf dem Weltmarkt aus.  Durch die Kommerzialisierung von Walprodukten sehen nicht nur die Walpopulationen, sondern auch die Inuit einer unsicheren Existenz entgegen.

Erhitzte Gemüter

Historische Veränderungen, wie die Kolonialisierung und die Globalisierung führten zur Erschöpfung der Walvorkommen, weshalb man im frühen 20. Jahrhundert deren Schutz befürwortete. Seit 1946 setzt sich die Internationale Walfangkommission (IWC) für stabile Walbestände ein, auch wenn sie zu Beginn nur um die Walfangindustrie bemüht war. Durch den völkerrechtlichen und diplomatischen Zusammenschluss von über 80 Mitgliedern konnten sich die Wale nachhaltig erholen. Trotzdem sind einige der Wale, wie der Grönlandwal oder der Nordkapernwal, nach wie vor vom Aussterben bedroht.

Ein Moratorium des Jahres 1986, das jegliche Art des kommerziellen Walfanges verbieten sollte, ließ jedoch die Wogen in der IWC hochgehen. Die Erklärung der internationalen Walfangkommission verbot alle Formen des kommerziellen Walfanges und die Fangquoten wurden auf null gesetzt. Die Inuit, sowie andere Indigene aber betreiben Walfang aufgrund ihres Subsistenzrechtes, weshalb man ihnen ein limitiertes Kontingent zusicherte. Die Sonderregelung des „Aboriginal Subsistence Whaling“ ist darum bemüht, die Angewiesenheit indigener Gruppen auf den Walfang zu berücksichtigen.

Wenn sich zwei streiten…

Die internationale Staatenwelt richtet im IWC ein Dilemma für indigene Gruppen an, zumal diese nicht nur eine Minderheit der globalen Weltordnung, sondern auch im IWC darstellen. Norwegen, Island und die Färöer sind neben Japan die Kritiker des Walfangmoratoriums. Als Reaktion auf das strenge Walfangregime der IWC setzten Staaten wie Schweden oder Japan eigene unilaterale Abkommen fest.  Dabei berufen sie sich etwa auf die letale Forschung, die die Tötung aus wissenschaftlichen Gründen rechtfertigen soll. Japan spielt für die Indigenen insofern eine Rolle, da die Zahl der gefangenen Wale immens in die Höhe getrieben wird. Stattdessen handeln die Staaten jenseits ökologischer und völkerrechtlicher Werte. Stimmenkauf und Manipulationen bestimmen neben der Nichteinhaltung von Verträgen die Machtverhältnisse. Nach wie vor macht keiner einen gültigen Spielzug. Dadurch erzwangen die Internationale Walfangkommission und ihre Teilnehmer  ein Patt.

Westgrönländische Finnwale etwa sind bis 2018 auf 19 Abschüsse pro Jahr beschränkt. Die aktuellsten Daten zeigen, dass sich Westgrönland 2014 mit 12 Walen an die Fangbegrenzung hielt. Island aber, ein klarer Profiteur des Walfanges, tötete im Rahmen des kommerziellen Walfanges im selben Jahr 137 Finnwale (obwohl die Quote des IWC 0 beträgt). Die ungleiche Handhabung verdeutlicht sich anhand der Zwergwale. Norwegen fing trotz des Moratoriums  736 Stück, währenddessen Grönland 157 Zwergwale erlegte. Bei einem Limit von 164 hielten sich auch diesmal die Bewohner der eisigen Insel an die Vorgaben der IWC.

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Beim kommerziellen Walfang werden der Wal und das Kalb noch auf dem Schiff verarbeitet.

Gegen die Inuit und andere indigene Völker, die vom Moratorium ausgenommen sind, entwickelte sich eine perfide Eifersucht. Die Kolonisierung und Ressourcenausbeutung aller Seiten, sowie die Bipolarität in der internationalen Walfangkommission, lenkte den Kompass der Walfanggegner auf die Inuit, obwohl durch sie nur ein Bruchteil der Gejagten zu Tode kommt.  Darunter leiden sie umso mehr, da ihre Quoten regelmäßig aufgrund der schwachen Walbestände zusätzlich gekürzt werden. Auch die Auflagen zu Tötungsarten sind strenger als die unilateralen Bedingungen kommerziellen Fanges. Grönland ist Teil der dänischen Delegation im IWC, was eine Einschränkung seiner Souveränität bedeutet. In dem Prozess kristallisieren sich die Indigenen mehr und mehr als die Leidtragenden heraus.

Die Grenzen des Tierschutzes

Ob bei Rinderhaltung oder Robbenjagd, Tierschützer werden bei jeder Art des Tötens auf den Plan gerufen. Trotzdem ist die Schlachtung in allen Kulturkreisen der Welt ein tief verwurzeltes Ritual. Die Inuit sind nämlich nur ein kleiner Dorn in den Augen der Walschützer. Staaten wie Japan oder Norwegen hingegen sind die Schelle ins Gesicht der International Whaling Commission. Längst übertüncht die Nachfrage westlicher Hedonisten das Prinzip der rohen Notwendigkeit. Das Verlangen nach der Delikatesse lässt auch im europäischen Raum den Handel florieren. Walfleischgourmets, wie sie auf Websites wie norwegenfreunde.com ihr Unwesen treiben, sind auf „kurz angebratenes Walsteak, abgerundet mit Knoblauch und Pfeffer“ allerdings nicht angewiesen. Hier werden die Diskussionen über die Ethik des Tötens durch heftige Debatten über „Medium“ oder „Rare“ ersetzt. Denn trotz des Einfuhrverbots von Walfleisch in die EU ist es ein leichtes Unterfangen, welches zu besorgen. Einige Klicks – und ab geht die Post – per Post etwa. Währenddessen sind alle Augen auf Grönland und ihre vermeintlich barbarische Art des Überlebens gerichtet.

Töten und Technik

Die westliche Welt will den nordischen Völkern kaum Landrechte anerkennen, zumal das Rechtssystem seit John Locke durch Landbesitz geprägt ist. Körperkraft und Beanspruchung des Bodens mache ein Gebiet zu Eigentum, so das Credo. Ackerbau sei der Keim aller Kultur, weshalb man den Inuit und anderen Völkern die Ihrige aberkannte. Denn sie lebten und leben von der Rentierzucht, dem Fischfang und dem Walfang.

Die Inuit entwickelten, wie alle Indigenen, bereits vor Jahrhunderten ein effektives Rechtssystem und ihre spezifische Form der Rechtsdurchsetzung. Die Modernisierung brachte aber, neben all ihren Vorzügen, Unordnung in die Handelswege und Lebensweisen der Indigenen. Nach die Kolonisierung Grönlands durch die Dänen im 18. Jahrhundert veränderten sich die Walfangmethoden drastisch.

Explosive Harpunen verdrängten inzwischen die vermeintliche Ästhetik der traditionellen Speere. Die Modernisierung der Jagd lässt neue Methoden zu, die die Agonie der Tiere lindern soll. Der Masse eines Wales entgegnet man mit Härte und Respekt. Die wahrhaftige Größe der Säuger lässt erahnen, wie schwer deren Bezwingung fällt. Allerdings wurde der Fang eines Wals durch die fortschreitende Technik von einer spirituellen Zeremonie zu einer alltäglichen Schlachtung. Das Paradoxon in der modernen Technik liegt in der Tatsache, dass die schnellere, sowie schonendere Tötung zu einer höheren Anzahl getöteter Wale führt.

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Für Orte wie Ittoqqortoormiit, fernab der Großstätde, bietet die Jagd eine entscheidende Nahrungsquelle.

Ausblick am arktischen Horizont

Die Zeit drängt für eine effiziente Gestaltung von Fangquoten. Das dreißigjährige Bestehen des Moratoriums bietet einen passenden Anlass, um seine Effektivität zu überdenken. Möglicherweise könnte ein größerer Handlungsspielraum der Mitglieder zu einer juristisch sattelfesten Kooperation der Staatengemeinschaft führen. Die Sturheit aber, von der die Internationale Walfangkommission geprägt ist, führt zu kurzsichtigen Entscheidungen und rücksichtslosen Alleingängen.  Das Ideal der Nachhaltigkeit ist längst nicht erreicht. Wer die Leidtragenden dieser Entwicklung sind, wissen wir nun.

Gleichzeitig finden die indigenen Wünsche nicht ausreichend Resonanz in der IWC und anderen Organisationen. Eine stärkere Einbindung der Inuit und anderer indigener Völker ist dringend notwendig, um deren Lebensweise verständlicher zu machen. Die Absorption der Inuit in die globalisierte Welt des Kapitalismus ist eine der unzähligen Herausforderungen für eine nachhaltige Entwicklung.