Bedeutungslose Erfahrungen

Während eines Praktikums in Bethlehem erwartet man allerhand. Freitags gibt es Demonstrationen, geschlossene Läden und starken, arabischen Kaffee. Donnerstags ist dagegen ein gewöhnlicher Arbeitstag. Keine Demos sind angesagt, einfach nur ein Spaziergang in Aida, dem Camp, in welchem sich nach 1948 tausende palästinensische Flüchtlinge niederließen. Wir betreten die Siedlung. Sie ist nicht als Flüchtlingscamp zu erkennen. Die Menschen sahen damals ein, dass sie niemals in ihre Heimatdörfer zurückkehren würden, also beschlossen sie zu bleiben und Häuser zu bauen.

Ich spreche mit einem Bewohner, der mir mit Gleichgültigkeit in der Stimme vom Leben erzählt. Letzte Nacht wurde ein Zwölfjähriger von Soldaten aus dem Schlaf gerissen, sie haben ihn verhaftet. Was hat der Junge denn verbrochen, frage ich, unwissend. „Er hat Steine auf die Mauer geworfen.“ Die Mauer ist nichts weiter als ein Teil der Apartheitsgrenze, die sich durch palästinensisches Gebiet schlängelt. Sie grenzt an Aida und wird von israelischen Soldaten überwacht. Ich drehe mich um und sehe weitere Jungs, die es dem Zwölfjährigen gleichtun. Sie nähern sich der Mauer mit dem Wachtturm und werfen Steine, als wäre es ihre Pflicht ihren Freund zu rächen. Ganz trauen sie sich nicht hin, keiner trifft die Mauer auch nur annähernd. Kein Soldat in Sicht. Keine akute Gefahr, nur frustrierte Kinder.

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Diese Nacht in Aida ist ruhiger als so mancher Tag. Das palästinensische Symbol für Heimat thront über dem Eingang zum Camp.

Plötzlich eine Explosion. Ein Spielplatz liegt in unmittelbarer Nähe. Manche der Kleinen bleiben, die Mütter laufen nach Hause. Ihre Töchter sagen „Nein, wir wollen weiterspielen!“ Sie haben keine Angst. Noch eine Explosion. Was ist das, verdammt? Am Tor, welches Aida von den Soldaten symbolisch trennt, versammeln sich Menschen, und beobachten zwei Soldaten, die den Wachtturm verlassen und sich nervös an ihre Waffe klammern. Einer kniet sich hin, ein Kind anvisierend. Es scheint von beiden Seiten eine Art Spiel zu sein, deshalb steht der Soldat wieder auf. Kinder antworten mit Steinen, doch die Bewaffneten sind außer Reichweite. Die Antwort der Soldaten? Tränengas. Eine Kapsel landet vor meinen Füßen. Mich packt die Panik und ich stürme davon. Ein Mütterchen steht in ihrer Türe und holt Menschen zu sich herein. Aber: „Teargas is like a snake. It sneaks into every window, every crack.“ Ich habe Glück, der Wind ist auf meiner Seite und ich bekomme zuerst nichts ab. Aufgebracht beobachte ich ein Kind, etwa 10 Jahre alt, zur Tränengaskapsel schlendernd. Der Rauch blüht auf, es nimmt die Kapsel und wirft sie über einen Zaun. Ungläubig sehe ich zu. Wo sind die Tränen? Schmerzen, Angst, rote Augen? Immunität ist die Antwort, der Junge spürt das Zeug nicht mehr. Ich komme ein Stück näher, aber die saure Luft zwingt mich sofort zur Umkehr. Hat wer vielleicht Zwiebeln, oder Alkoholtücher parat? Soll helfen, habe ich gehört. Die Kinder lachen mich aus und ich schäme mich.

Nachdem die Soldaten abziehen, geht jeder seiner Wege. Plötzlich fällt mir in meiner Verwirrung ein, dass ich alles gefilmt habe! Aufgebracht denke ich an Youtube, Zeitungen, NGO’s. Die müssen das sehen!  Jedoch ernüchtern die Emotionen, und ein taubes Gefühl nimmt deren Platz ein, denn was ich gesehen habe, ist nichts Aufregendes. Soldaten, die Kinder mit Tränengas bewerfen ist nichts, einfach gar nichts. In den westlichen Medien etwa so interessant wie das klischeebeladene umgefallene Fahrrad. An derselben Stelle wurde 2015 ein Kind erschossen, wer hat schon davon gehört? Es gibt tausende Videos, die ähnliches aufzeichnen, doch niemand interessiert sich dafür. Jedes Ereignis ist wie eine Kerze unter Hunderten. Man gießt kurz Öl aufs kleine Feuer, lässt es abbrennen. Letztendlich erlischt die Kerze und wird vergessen, denn in den Nachrichten wirkt alles zu weit weg und zu unwirklich. Erst die persönliche Erfahrung lässt einen schaudern. Ich ziehe von Dannen.