Ein Indianer kennt keinen Schmerz

„Ich bin ja kein Rassist, aber…“ du weißt es nicht besser. Weil wir es alle so gelernt haben.

Kolonialisierung der Bildung

Jeder und jede von uns lernte in der Schule von Christoph Kolumbus, dem Entdecker Amerikas. Aber da war noch was. Irgendwas mit Millionen Toten und wirtschaftlichen Folgen bis in die Gegenwart. Deshalb muss ein näherer Blick in die Schulbücher geworfen werden, und das Ergebnis tut weh.

Das »Projekt Neue Welt« wird als Bereicherung gesehen, die uns, Himmel sei Dank, Kaffee und Kakao brachte. Dabei werden Sklavenhändler und Schiffseigentümer als gleichwertige Handelstreibende beurteilt. Indigene Völker werden als Wilde dargestellt, die Zivilisation der »Weißen« fiebernd erwartend. Denn, wie jedes Kind nun weiß, ist die Zivilisierung von Indigenen die „Bürde des weißen Mannes“.

Stimmen aus der Diskurswissenschaft kritisieren, dass die Geschichte europäischer Kolonialisierungsprojekte regelrecht zelebriert wird, obwohl sie auch – und vor allem – eine Geschichte von Sklaverei, Genozid und wirtschaftlicher Abhängigkeit ist. Weitere Untersuchungen österreichischer Geschichtslehrbücher zeigen, dass die Kehrseiten des Kolonialismus systematisch ausgespart werden. Tatsache ist: Die langfristige Institutionalisierung von Wissen – die Schulbildung – trägt zum Alltagsrassismus bei.  Diese Worte findet Aimé Césaire, Autor des einflussreichen Werks „Discours sur le colonialisme:

„Kolonialismus erzählt Geschichten des Abenteurers und Piraten, des Gewürzgroßhändlers und Reeders, des Goldsuchers und Kaufmanns, der Gier und der Gewalt, und im Hintergrund dem unheilvollen Schatten einer Zivilisation, die in einem bestimmten Augenblick in ihrer Geschichte den inneren Zwang verspürt, den ganzen Erdball mit der Konkurrenz ihrer widerstreitenden Volkswirtschaften zu überziehen.“

Warum ist das rassistisch?

„Als »Ersatz« für die ermordeten und durch Seuchen hingerafften Indios wurden nun von Sklavenhändlern unzählige Menschen in Afrika gefangen genommen, versklavt und von Sammellagern aus in die Neue Welt gebracht. Irgendjemand musste ja für die »Weißen« arbeiten!“ Diese Phrasen findet man im österreichischen Schulbuch „Durch die Vergangenheit zur Gegenwart 3“ vom Jahr 2007. Afrika wird in dieser entschuldigenden aber grausamen Erklärung als menschliches Ersatzteillager beschrieben. Die Bezeichnung für Afrikaner wechselt zwischen »Schwarzen« und »Sklaven«.

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Abbildung 1: Grafik in Von der Vergangenheit zur Gegenwart 3, 1995 und 2007

In diesen und ähnlichen Grafiken fallen kleine, braun dargestellte Figürchen zwischen Kartoffeln und Mais nicht mehr auf. Natürlich ist positiv hervorzuheben, dass Grafiken zum Sklavenhandel überhaupt in dem Schulbuch vorkommen. Problematisch ist allerdings, dass die Darstellung von Afrikanern als Sklaven nicht kritisiert, sondern fortgeschrieben wird. Ganz im Gegenteil wird aus europäischer Perspektive auf die wirtschaftlichen Vorteile von Sklavenhandeln hingewiesen. Außerdem waren laut dem Buch die Kolonialisten leidende, heldenhafte Gutmenschen. Denn es steht geschrieben: „Kolumbus sah die »Indianer« (»Indios«) nicht als »Wilde« oder »Tiere«, sondern als unschuldige Menschen in einem Paradies, das erhalten werden sollte.“ Echt jetzt?

„Das darfst du nicht sagen, du kleiner Hottentot!“

Offiziellen Lehrinhalten von Geschichtsbüchern schenkt man, wenn schon nicht zu viel Aufmerksamkeit, zumindest Vertrauen. Sie gelten als legitimiertes Wissen, weil sie durch staatliche Einrichtungen vermittelt werden. In so jungem Alter hinterfragt man zwar vieles, kommt aber eher selten auf die Idee, einzelne Worte wie »Indianer« zu verurteilen. Vor allem wenn es um die Hinnahme von Wehwehchen geht, spielt dieser ja eine wichtige Rolle. Denn Indianer haben, Karl Mays Urteil zufolge, eine hohe Schmerzgrenze. Und die brauchten sie auch. Aber ob Indianerblut oder nicht – die Wortwahl bleibt bestehen. Denn Schulbücher vermitteln nicht nur Inhalte, sondern auch Ideologien und Wertvorstellungen, die man kaum wieder losbekommt. Wir reden von der Entdeckung der neuen Welt und Indianern als wäre es eine Geschichte des Ruhmes und Erfolges. Wo aber findet man Informationen über die Folgen des Kolonialismus? Kinder sollten nicht nur über Warenaustausch lernen, sondern auch, dass jene ehemals kolonisierten Kulturen heute als „unterentwickelt“ gelten. In der Sprache werden Macht und soziale Ungleichheit nicht nur wiedergespiegelt, sondern in ihrer Gültigkeit bestärkt und fortgeschrieben. Die Überlegenheit und der Reichtum weißer Kultur werden am Mittagstisch fortgesetzt. „Iss zusammen, die Kinder in Afrika wären froh über…bääääääh!“

Es geht hier um das Imaginäre des Kolonialismus. Darum, dass einer mehr oder minder unschuldigen Masse nicht auffällt, dass man »Neger« nicht sagen soll. Schon klar, „ist ja nicht böse gemeint…“ Victor Klemperer aber, ein akribischer Beobachter alltäglicher Rassismen brachte auf den Punkt, was Worte anrichten:

Worte sind wie kleine Arsendosen, sie werden unbemerkt verschluckt, sie scheinen keine Wirkung zu tun, und nach einiger Zeit ist die Giftwirkung doch da.“

Jede Sprache bildet Identitäten. Das Fremde und das Selbst werden in bestimmte Lichter gesetzt. Und die Farbe des Lichtes spielt eine bedeutende Rolle – ob Schwarz, Weiß, Gelb oder die berühmte Rothaut: Der Umgang mit Worten bestimmt den Umgang mit Menschen.