Ein bequemer Revolutionär

Ausgelöst durch die Verzweiflung junger BürgerInnen blühte 2011 der arabische Frühling. Tahar Ben Jelloun,einer der berühmten französischsprachigen Autoren des Maghreb, widmet seinen Essayband dem „Wiedererlangen der arabischen Würde“. Von Würde kann im Werk allerdings keine Rede sein.

Claude Truong-Ngoc/ Wikimedia Commons

„Arabischer Frühling“ erschien zuerst im Berlin Verlag und wurde in der deutschen Bundeszentrale für Politische Bildung,  einer Suborganisation des deutschen Innenministeriums, wiederveröffentlicht. Tahar Ben Jelloun verfasst sein Werk während der mitreißenden Ereignisse des Frühlings 2011. Zu Beginn des Essaybandes werden die Hintergründe der von Revolution ergriffenen arabischen Staaten in Erinnerung gerufen. Den Ländern Ägypten, Libyen, Algerien, Jemen, Marokko und vor allem Tunesien schenkt der Autor jeweils ein Kapitel und gibt sich fachkundig. Anschließend folgt ein kurzer Ausblick, in welchem er das Ende des Islamismus prophezeit, danach die Novelle „Der Funke“. Er schließt seinen Sammelband mit zwei Artikel des Jahres 2003 ab.

Erfundene Geisteszustände

Nach einem kurzen Vorwort nimmt Jelloun Einsicht in die Gedanken seiner Protagonisten Husni Mubarak und Ben Ali. Kritiker bezeichnen Jellouns Stil als „satirische Fiktion.“ Tahar Ben Jelloun ist nicht nur international gefeierter Schriftsteller, sondern auch Psychotherapeut. Berechtigt ihn seine Ausbildung dazu, Mubarak ohne einer einzigen Quellenangabe Worte in den Mund zu setzen? Nein, denn die Emotionen des Autors kommen hoch, er verarbeitet sie mit Worten, die besser für ein Drama, als ein Sachbuch geeignet wären. Jellouns Liebhaberin, die Novelle, findet ihren Platz unerwartet rasch. Jellouns Art, den arabischen Frühling zu beschreiben ist eine von vielen möglichen, aber keine hinreichende. Man wird in dem Kapitel durch Wortwitz und die beliebige Wiederholung des Begriffs „Hurensohn“ blendend unterhalten. Viel gelernt hat man aber nicht.

Kolonialismus und Würde

In wenigen Sätzen wird auf die Rolle Europas, der USA und Israels eingegangen. Er versucht es mit einer dem Westen gegenüber kritischen Haltung, die man ihm nicht ganz abkauft. Seine Ausführungen greifen viel zu kurz und die Kritik an den arabischen Staaten fällt weitaus schärfer aus: „Was haben Millionen Araber denn gemeinsam? Internes Scheitern, Niederlagen und eine klassische Sprache, die nur von wenigen Intellektuellen beherrscht wird. (…) Seien wir also bescheiden und klarsichtig. Erkennen wir zuerst unsere Zerrissenheit, unseren Verrat, unsere Unfähigkeit an.  Diese Worte richtete er bereits 2003 an seine Leserschaft. Unklar bleibt, warum er den veralteten Text, der so viel Wut und Enttäuschung über „sein Volk“ birgt, an das Ende des Essaybandes heftet. All die Hoffnung und Würde, die er zuerst in arabischen Völkern erkennt, tritt er am Ende mit Füßen. Die wiedergewonnene Würde konnte die wenigen Seiten de Sammelbandes nicht überdauern.

Die Kolonisierungen, welche besagte Staaten einst zerrütteten, werden wahrgenommen, aber nicht hinreichend kritisiert. Ganz im Gegenteil. „Da sind die verschiedenen Kolonisierungen: die osmanische, die britische, die französische. Doch damals ruhte sich die arabische Welt auf den Lorbeeren ihrer Glanzzeiten aus, suhlte sich in Nostalgie, war taub und blind, selbstgefällig und ließ die verschiedenen Züge der Moderne seelenruhig an sich vorbeiziehen. (S. 127)“  Mit diesen Worten klingt er mehr als unreflektiert, sie erinnern stark an die berüchtigte Rede Nicolas Sarkozy’s in Dakar 2007. Damals wandte er sich als französischer Präsident an die senegalesische Bevölkerung, um ihnen folgendes zu erklären:

„Afrikas Drama ist, dass der Afrikaner nicht genug in die Geschichte eingetreten ist. Der afrikanische Bauer kennt nur den ewigen Wiederbeginn der Zeit im Rhythmus der endlosen Wiederholung derselben Gesten und derselben Worte. In dieser Geisteshaltung, wo alles immer wieder anfängt, gibt es Platz weder für das Abenteuer der Menschheit noch für die Idee des Fortschritts. In diesem Universum, wo die Natur alles regelt, entkommt der Mensch der Qual der Geschichte, die den modernen Menschen gefangen hält, und er bleibt regungslos in einer unveränderlichen Ordnung. Nie geht er auf die Zukunft zu. Nie kommt er auf die Idee, aus der Wiederholung auszutreten, um sich ein Schicksal zu erfinden. Dies ist das Problem Afrikas.“

Die Rede wurde in den senegalesischen Medien zu Recht zerfetzt. Tahar Ben Jelloun arbeitet leider mit ähnlichem Vokabular. Wem will der marokkanische Autor wohl gefallen? Bestimmt nicht seinen Landsleuten.

Geliehenes Leid. Kein geteiltes Leid.

Zwei Kapitel widmet Jelloun dem sogenannten „Funken“ Mohamad Bouazizi, dessen grausamer Tod die Jasminrevolution in Tunesien auslöste. Die abartige Namensgebung „Funke“ für einen Mann, der sich mit Diesel übergießt und anzündet, lässt erste Zweifel an einer ehrfürchtigen Würdigung desselben aufkommen. Erneut schlüpft der Autor in den Kopf seines Protagonisten und schlachtet dessen Leidensgeschichte aus. Aber woher kennt er die Gedanken des verzweifelten Mannes? Gibt es denn Belege für seine Wortwahl? Sehr detailliert wird geschildert, wie Bouazizi am 17. Dezember 2010 das Streichholz zückt. Hier die abermals erfundenen, grotesken Gedankenspiele:

„Sich zuhause erhängen? Das hätte ja nichts bewirkt.                                                                          Sich die Pulsadern aufschneiden? Auch nicht.                                                                                Sich mit Schlaftabletten vollstopfen? Die muss man sich einmal leisten können, und das wäre auch ein stiller Selbstmord. Man würde am Ende noch sagen: Der Arme, er hat einen schönen Tod gehabt, im Schlaf von uns gegangen.“

Mit aller Kraft hält der Autor mit seinem eindringlichen Ausdruck an ihrer Dramatik fest. Es wird so lange an dem Ereignis und ihren 15-tägigen körperlichen Nachwirkungen gezehrt, dass man sich fragt, wem der Autor Respekt zollen will- Dem Gemüsehändler oder bloß seinem eigenen Stil? Was würde die Familie des „Funken“ zur gedankenlosen Wortwahl sagen? Die Wahl der Novelle scheint mir für eine derart verzweifelte, politische Handlung unangebracht. Oft wurde dem marokkanischen Autor Doppelzüngigkeit vorgeworfen. Vor allem bei seinem Werk „Das Schweigen des Lichts“, in welchem er sich des Sachverhalts verspätet und risikolos (vgl. Faz.net) annimmt. Es drängt sich die Frage auf, wieviel der Autor selbst zum – sich seiner Prophezeiung nach anbahnenden Erfolg der Revolution – beigetragen hat, außer bequem von seinem Schreibtisch in Frankreich aus in die Tasten zu hauen. Hat er selbst sein Leben riskiert oder bloß den Niedergang anderer Leben beschrieben? Wen der Revolutionäre hat er persönlich getroffen, wo hat er recherchiert? Das Buch hält all diese Informationen zurück.

Meinung eines Träumers

Jellouns Meinung über Entwicklungen des arabischen Raums wird häufig nachgefragt. Trotzdem ragen zwischen den Zeilen Realität und Mystik in verwaschener Form hervor. Eine an Fakten und Argumenten orientierte Aufarbeitung der Geschehnisse des Jahres 2011 sucht man vergebens. Eurozentrismus, Kriegsbefürwortung und schwammige Prophezeiungen begleiten die inkongruenten Textsorten. Ebenso würde man von der Bundeszentrale für politische Bildung erwarten, politisch gebildet zu werden. Wer auf der Suche nach Information und Sachlichkeit diesem Buch verfallen ist, wird es mit vielen Fragenzeichen zuschlagen. Eher dient es als Zierwerk, wenn man dem arabischen Frühling etwas verkorkste Poesie verpassen will.